Über alternative Lebensbeziehungen


Alternative Lebensbeziehungen
 
In erster Hinsicht meine ich damit eine offene Beziehung zwischen zwei Partnern, ob nun verheiratet oder zusammen lebend. Beide Partner haben die Freiheit, sich andere Partner zu suchen. Im Internet kann man oft auch von so genannten polyamoren Beziehung lesen, doch das ist es nicht, was ich hier beschreibe, denn diese Art von Beziehung lässt zusätzliche emotionale Bindungen zu. Die Auslebung mehrerer Liebesbeziehungen aber ist nicht das, was meine Partnerin und ich vereinbart haben. Wir beschränken uns auf den rein sexuellen Aspekt einer offenen Beziehung.
 
Trotzdem: Ob nun Liebe im Spiel ist oder nicht, spreche ich von einer alternativen (also zweiten) Lebensbeziehung, weil man eine Art von Beziehung zu den anderen Partnern eingeht und auslebt. Für Neokonservative ist das der ultimative Untergang des christlichen Abendlandes, rein wissenschaftlich betrachtet ergeben sich jedoch andere, weitaus interessantere und zu differenzierende Aspekte.
 
Dazu schreibt Dr. Schmidt-Salomon in einem Aufsatz in ”Aufklärung und Kritik 2/2001”: (Zitat) ”Dank der gleichzeitig voranschreitenden "sexuellen Revolution" war es nun auch möglich, mehr oder weniger unbefangen über die eigenen erotischen Vorlieben zu sprechen. Die sexuelle Liebe wurde zum Dreh- und Angelpunkt der Paarbeziehung. So gut das auch klingt: Das Faktum, dass die schönste Hauptsache in der Welt nun endlich zum zentralen Maßstab der Paarbeziehung wurde, hatte und hat einen unübersehbaren Nachteil: Das romantische Hoch der Liebe ist in der Regel nur von relativ kurzer Dauer. Nach wenigen Jahren nehmen - wie Untersuchungen ergeben haben - die Endorphinausschüttungen, die mit dem Zustand des Verliebtseins einhergehen, dramatisch ab.”
 
Die Monogamie ist das Ideal unserer Gesellschaft. Auch mein Ideal war sie und das meiner Partnerin. Aber die Möglichkeit, unbefangen über erotische Vorlieben zu sprechen, brachte es schon bald an den Tag: grosse Unterschiedlichkeit, die im Extremfall sogar zum Ende der monogamischen Beziehung hätte führen können.
 
Dazu ein weiterer Zitatauszug aus dem oben genannten Aufsatz:
 
”In der gegenwärtigen Situation scheint das althergebrachte Modell der lebenslangen Monogamie, das Modell der "Heiligen Familie", zu einem Auslaufmodell zu werden. An die Stelle des ideologisch und ökonomisch verriegelten Ehekäftigs sind neue Beziehungsmodelle getreten, die ihrerseits in der Geschichte immer wieder erprobt wurden und den Liebeswütigen der Jetztzeit zur Verfügung stehen: Das Modell der seriellen Monogamie, das Modell der Haremsbildung, das Modell der polygamen Austauschbeziehung, das Modell der offenen Ehe sowie das Modell des Intimnetzwerkes.
Werfen wir unter dieser Perspektive einen Blick auf den gegenwärtigen Markt der sexuellen Beziehungsmodelle. Ich möchte der Überschaubarkeit halber 7 Modelle idealtypisch voneinander unterscheiden:
Modell 1: Strikte Monogamie
Bei der strikten Monogamie ist der Grad der Bindung an den Partner am höchsten, der Freiheitsgrad am geringsten. Als Ideal gilt, nur einen Partner zu lieben und dies ein Leben lang. Dieses Modell wird - und das ist in Anbetracht unserer evolutionär erworbenen Ausstattung verständlich - weit häufiger gepredigt als verwirklicht. AnhängerInnen dieses Modells sind u.a. christliche Theologen, gläubige Asketen, hoffnungslose (oder besser: allzu hoffnungsvolle!) RomantikerInnen und/oder scheue, bzw. unattraktive Menschen, die es mit gutem Grund vorziehen, aus der Not eine Tugend zu machen.
Modell 2: Monogamie mit doppeltem Boden
Bei der Monogamie mit doppeltem Boden gilt das Ideal der lebenslangen Treue zwar ebenfalls, praktisch versucht man aber, es hin und wieder zu umgehen. Unserem biologischen Erbe scheint dieses Modell eher zu entsprechen als Modell 1. (In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, dass - empirischen Studien zufolge - 80% Prozent aller Frauen mindestens einmal in ihrem Leben innerhalb einer Woche Sex mit verschiedenen Partnern hatten und dass jedes zehnte Kind nicht von dem Mann abstammt, der der biologische Vater zu sein glaubt...) (11)
Auch im Modell der Monogamie mit doppeltem Boden ist der Grad der Bindung hoch, der Freiheitsgrad relativ gering und vor allem hart erkämpft. Um nicht entdeckt zu werden, muß der Seitenspringer bzw. die Seitenspringerin ein ganzes Arsenal an Täuschungstechniken beherrschen, vom geschickten Arrangement von Alibis und Örtlichkeiten, über das Entfernen von Lippenstiftresten, Haaren und Parfüm- bzw. Aftershave-Düften, bis hin zur geschickten Vertuschung von Hotel- und Restaurant-Rechnungen... Ein großer Aufwand, der nicht immer lohnt und auch nicht immer verhindern kann, daß der Seitensprung am Ende doch auffliegt. Und was passiert dann? Entweder Mord aus Leidenschaft (die Kehrseite des romantischen Ideals: jeder Romeo trägt den Othello in sich) oder aber Modell 3 kommt ins Spiel: das Modell der seriellen Monogamie.
Modell 3: Serielle Monogamie
Die serielle Monogamie verlangt die Konzentration auf einen Partner, allerdings nur auf bestimmte Zeit. Der Freiheitsgrad ist hier höher als in den anderen monogamen Modellen, immerhin wird man nicht mehr darauf verpflichtet, es ein Leben lang an der Seite eines Partners auszuhalten. Stattdessen hat man nun sogenannte "Lebensabschnittsgefährten" und die Beziehung mitunter eine recht kurze Halbwertszeit, denn das Verhältnis kann schnell aufgekündigt werden, sofern es nicht mehr den eigenen Ansprüchen genügt.
Es ist nicht verwunderlich, daß dieses Modell zur Zeit groß in Mode ist. Schließlich ist es in der Lage, das romantische Liebesideal der tiefen monogamen Bindung aufrechtzuerhalten - zumindest solange, bis der Wunsch nach Freiheit bzw. nach einer neuen, attraktiveren Bindung eine Veränderung der Situation verlangt.
Man sollte allerdings auch die Schwächen dieses Modells nicht übersehen: Der Zwang zur Monogamie sät Misstrauen und führt mitunter zur Lüge und allzu häufig auch zur Aufkündigung von Beziehungen, in die man zuvor viel Zeit und Energie investiert hat. Das kann überaus problematisch sein, insbesondere, wenn Kinder mit im Spiel sind.
Modell 4: Polygame Austauschbeziehungen
Hohen Freiheitsgrad bei geringer Bindungsmöglichkeit bietet das Modell der polygamen Austauschbeziehung, das irgendwie unseren nächsten Verwandten, den Bonobos, nachempfunden zu sein scheint. Polygame Austauschbeziehungen kann man allwöchentlich beobachten auf den mehr oder weniger amüsanten Balzveranstaltungen von Großraumdiskotheken. Nach der Devise ex und hopp reihen passionierte Singles One-Night-Stands aneinander, eine Art Fast Food Sex, der hin und wieder spannend sein mag, aber auf Dauer nur wenige befriedigt. Nicht umsonst zeigen Umfrageergebnisse, daß selbst hartgesottenste Singles oftmals insgeheim den Traum von der EINEN erfüllenden Beziehung träumen.
Modell 5: Haremsbildung
In Modell der Haremsbildung zwingt man seine diversen Partner oder PartnerInnen ins Korsett der Monogamie, reserviert für sich selbst jedoch die vermeintlichen Freuden der Polygamie. Diese Asymmetrie im Beziehungsgefüge ist nicht nur ethisch anrüchig, sie ist oft genug auch verbunden mit einer immensen Überforderung der Haremsbesitzer bzw. -besitzerinnen, die sich nun den Liebesansprüchen mehrerer PartnerInnen ausgeliefert sehen. Zudem ist auch das Problem der Eifersucht für den oder die HaremsbesitzerIn nicht aus der Welt geräumt. Im Gegenteil: Wer selbst das polygame Leben genießt, fürchtet in der Regel umso mehr, daß seine PartnerInnen sich nicht an das ihnen verordnete Treuegebot halten. Zwanghafte Kontrollversuche sind oft die Folge.
Modell 6: Offene Ehe
Mit dem Konzept der "offenen Ehe" trat Anfang der 70er Jahre das Ehepaar O`Neill an die Öffentlichkeit. (12) Sie verstanden unter "offener Ehe" eine Beziehungsform, die auf gleicher Freiheit und gleichem Recht auf Persönlichkeit beider Partner beruht. Konkret sollte es beiden Partnern möglich sein, auch außerhalb der ehelichen Gemeinschaft intime Beziehungen einzugehen. Über diese außerehelichen Beziehungen kann (aber muss nicht) gesprochen werden, die eheliche Gemeinschaft wird durch "Seitensprünge" nicht in Frage gestellt. Die Pole Freiheit und Bindung sind hier zumindest vom Programm her aufeinander abgestimmt, oder genauer: Freiheit und Bindung werden überhaupt nicht mehr im Sinne von Polaritäten begriffen. Durch die Freiheit soll Bindung vertieft, durch vertiefte Bindung Freiheit (auch sexuelle Freiheit) ermöglicht werden. (Zu den Problemen dieses Modells s.u.)
Modell 7: Intimnetzwerk
Dem Prinzip der offenen Ehe stark ähnelnd, ist das Modell des Intimnetzwerkes. Ramey definiert das Intimnetzwerk als "Zusammenfallen von traditioneller Freundschaft und sexueller Intimität als normgerechtem Verhalten". (13) Grundlegend für das Intimnetzwerk ist das Verständnis, daß sexuelle Intimität unter den Mitgliedern des Netzwerks prinzipiell geduldet ist. Im Unterschied zum Konzept der offenen Ehe muß es im Intimnetzwerk nicht unbedingt HauptpartnerInnen geben, es kann durchaus zu mehreren gleichwertigen Beziehungen kommen - einen Zwang hierzu gibt es jedoch nicht. Ohnehin ist Potentialität das wesentliche Charakteristikum des Intimnetzwerkes. Das bedeutet auch, daß es (zeitweise oder dauerhaft) auch zu monogamen Beziehungsstrukturen innerhalb des Netzwerkes kommen kann. Interessant ist, dass alte Bindungen in diesem Modell nicht gänzlich verloren gehen müssen, wenn neue Beziehungen entstehen. Vor allem für Kinder kann es vorteilhaft sein, wenn durch die sexuelle Trennung der Eltern nicht alle Formen der familären Bindung aufgehoben werden.
Sicherlich: All diese Vorteile sind auch mit Nachteilen verbunden. Ein Grundproblem, das schon das Modell der offenen Ehe prägt, verschärft sich gewissermaßen auf der Ebene des Intimnetzwerkes: Die einzelnen Mitglieder müssen in der Lage sein, PartnerInnen nicht als einen Besitz zu begreifen, der gefährlicherweise abhanden kommen kann. Das heißt: Sie müssen mehr oder weniger gut gefeit sein gegen das unangenehme Gefühl, das mit dem romantischen Liebesideal unweigerlich verbunden zu sein scheint: das Gefühl der Eifersucht.
Eifersucht, so heißt es, ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft. Nirgends ist dies offensichtlicher als in Intimnetzwerken. Ein eifersüchtige Mensch wird ein Intimnetzwerk niemals als Heimat erfahren, als einen Ort, der Freiheit und Bindung gleichermaßen ermöglicht, sondern als einen Irrgarten der Gefühle, als Folterkammer der Seele. Und deshalb wird er sich in der Regel auch schnell von Intimnetzwerksstrukturen abwenden und sein Heil in der scheinbaren Sicherheit und Überschaubarkeit der Monogamie suchen. Tragischerweise ist er aber auch dort immer wieder mit der Gefahr konfrontiert, seine Besitzstände zu verlieren. Daher ist es nicht verwunderlich, daß einige enttäuschte Monogamisten die Flucht nach vorne antreten - in die Belanglosigkeit polygamer Wegwerfbeziehungen, die Eifersucht gar nicht aufkommen lassen, weil dafür der Grad der Bindungen schlichtweg nicht ausreicht.
Wie man es auch dreht und wendet: Die Sache ist vertrackt. Egal, welches Modell man bevorzugt, von einer liebgewordenen Bestrebung muß der Mensch sich wohl stets (zumindest partiell) verabschieden: entweder a) von dem Wunsch nach Bindung, b) dem Wunsch nach Freiheit, oder aber c) von dem Wunsch, andere exklusiv zu besitzen, der Grundlage der Eifersucht. Wir haben - so scheint es - nur die Wahl der Qual...“
Mit diesen Worten will auch ich es belassen. Wir haben die Qual der Wahl und welches letztlich der richtige Weg der Partnerschaft ist, wird das Leben zeigen. Alles hat Vor- und Nachteile und vielleicht kann ich eines Tages, wiederum an dieser Stelle, vom Ergebnis meiner Wahl berichten.
 
 
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